Archivgut Nachlass

Bernhardine A. NL 9 I

Jänner 1908 bis November 1979

Weitere Informationen

Einrichtung: Sammlung Frauennachlässe | Wien
Jahr: Jänner 1908 bis November 1979
Beschreibung:

Orte: Wien; Jedlinę in Polen u.a.


Quellentypen: Tagebuch (Jugendtagebücher, Frauentagebücher, während dem 1. Weltkrieg geführtes Tagebuch, während dem 2. Weltkrieg geführtes Tagebuch): 47 Bände; Aufzeichnungen in Buchform: 1 Poesiealbum (in Kopie), 2 Ausgabenbücher/Einnahmenbücher, 7 Taschenkalender; Korrespondenz (Feldpost aus dem 1. Weltkrieg, Familienkorrespondenz, geschäftliche Korrespondenz u.a.): ca. 165 Schreiben (in Kopie); ca. 10 amtliche Dokumente (in Kopie);

3 Fotografien; literarischer Nachlass


Zum Bestand: Schreiberin/Adressatin: Bernhardine A.; 1895-1979, geb. und gest. in Wien

Übergeberin: Elfriede K. (Nachbarin von Bernhardine A.), 1997



Von Bernhardine (genannt u.a. Hederl) A. sind 47 Tagebücher erhalten. Sie hatte im Jänner 1908 als knapp 13-Jährige damit begonnen, diaristische Aufzeichnungen zu verfassen und bis wenige Tage vor ihrem Tod im November 1979 an dieser Praxis festgehalten. In ihren Tagebüchern beschreibt die Wienerin sehr detailliert den Alltag innerhalb ihrer Familie, die täglich erlidigten Arbeiten und ihre sozialen Kontakte. Die ausführlichen Aufzeichnungen reichen bis hin zur Schilderung von Speisefolgen. Bernhardine A.s Glaube und Religion sowie die Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche und ihren Vertretern spielen in ihren Tagebucheinträgen ebenfalls bereits früh eine Rolle. Es werden häufig Heilige angerufen, meistens enden ihre Einträge mit (abgekürzten) christlichen Floskeln wie „Dein Wille geschehe“/„D.W.g.“. Weiters kommentiert sie das politische Tagesgeschehen.

Von ihrer Materialität und den Formaten her sind die Tagebücher sehr unterschiedlich: Bernhardine A. hat sowohl Schulhefte als auch hart gebundene Bücher mit verzierten Einbänden als Schreibunterlagen verwendet. Teilweise sind noch zusätzliche Blätter eingelegt oder eingeheftet. Die einzelnen Seiten sind dicht und jedes der Bücher ist voll beschrieben. In den Jugendtagebüchern sind zudem öfters kleine Zeichnungen eingefügt, später hat Bernhardine A. in zwischen den Texten eingefügten Listen auch regelmäßig ihre schriftstellerischen Tätigkeiten dokumentiert. Vereinzelt, besonders während der Zeit des Ersten Weltkriegs, finden sich als Einlagen auch Briefe oder Postkarten.

Bernhardine A.s Familie war bürgerlich gut situiert; sie wuchs gemeinsam mit zwei älteren Schwestern und einem jüngeren Bruder auf. Ihr Vater Maximilian A. (geb. A., 1864-1931) war bereits vor der Geburt der Kinder vom mosaischen zum katholischen Bekenntnis konvertiert. Er war Vizepräsident der Donaudampfschifffahrtsgesellschaft (DDSG), die Mutter Lydia A. (geb. T., gest. 1932) führte den Haushalt in der repräsentativen Wohnung auf der Weißgerberlände. Bernhardine A. war dabei nach ihrem Schulaustritt zunehmend stark eingebunden. Während ihre ältere Schwester einer Erwerbsarbeit nachging, war sie für die Versorgung der Familie (mit)verantwortlich. Dabei wurde auf die Beschäftigung mit Kunst und Kultur viel Wert gelegt, Maximilian A. komponierte Musikstücke und schrieb auch Bühnenspiele.

Als Jugendliche wiederholte Bernhardine A. in ihren Tagebüchern den Wunsch, Schauspielerin werden zu wollen, später war sie als freiberufliche Schriftstellerin tätig. Unter dem Künstlerinnennamen „Alma Bernharda“ veröffentlichte sie neben Kurztexten in christlichen Zeitschriften auch Romane, Novellen und Erzählungen. Einzelne dieser Texte liegen als Manuskripte vor, auch sind Auflistungen von Texten und Ankündigungen sowie Zeitungsberichte über Stücke bzw. Lesungen vorhanden. Während des Ersten Weltkriegs war sie im Rahmen des Kriegshilfsdienstes für Schreibarbeiten eingesetzt. Als Rotkreuzhelferin war sie dabei mit der Abschrift von Listen von Verwundeten und Verstorbenen beschäftigt und erreichte dabei eine gewisse Position. Daneben besuchte sie regelmäßig Soldaten in Wiener Krankenhäusern. Für dieses patriotische Engagement wurde die junge Wienerin 1915 mit einer "Ehrenmedaille" ausgezeichnet.

Wie ihre Schwester Sigrid (1891-1934) und ihr Bruder Marius A. (1902-1945) bewohnte Bernhardine A. zeitlebens die elterliche Wohnung. Nach dem Tod der Eltern, der Schwester und des Bruders lebte sie dort alleine. Sie hatte Einnahmen durch ihre schriftstellerischen Tätigkeiten. Sie veröffentlichte regelmäßig u.a. Fortsetzungsromane in Zeitungen und Zeitschriften. Die Zeit des Holocaust überlebte sie in Wien. Nach Berichten ihrer Nachbarin, die auch den Nachlass übergeben hat, bestritt Bernhardine A. ihren Lebensunterhalt in späteren Jahre u.a. auch damit, einzelne Räume der Wohnung zu vermieten oder Möbelstücke daraus zu verkaufen.

Neben dem umfangreichen Tagebuchbestand sind ein Poesiealbum mit Einträgen von März 1914 bis März 1920 (in Kopie), 7 Kalender (aus 1965 und von 1974 bis 1979) sowie zwei Einnahmen-/Ausgabenbücher (aus 1924 bis 1926 sowie aus 1979) vorhanden.

Von Bernhardine A.s Korrespondenzen sind insgesamt 165 Schreiben (in Kopie) übergeben worden. Darunter befinden sich u.a. 72 zwischen Dezember 1914 und Juni 1921 verfasste Schreiben ihrer in Rumänien verheirateten Schwester Cora von S. (geb. A., 1890-1921) aus verschiedenen Orten im damaligen Polen und 19 meist undatierte Briefe mit codeähnlich wirkenden Zeichnungen eines unbekannten Schreibers, vielleicht einem Verehrer von Bernhardine A. (vermutlich) aus den Jahren 1933 bis 1938.

Ihre schriftstellerische Tätigkeit wird durch sporadische Korrespondenzen (36 Schreiben aus den 1950er-, 1960er- und -70er-Jahren) mit verschiedenen österreichischen Schriftstellern und Verlagen dokumentiert. Daneben liegen einzelne Manuskripte ihrer Texte vor.

Von den Mitgliedern der Familie A. sind verschiedene amtliche Dokumente (in Kopie) vorhanden.

Anmerkung:
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