Archivgut Nachlass

Heribert W. NL 262 II

Februar 1938 bis Juli 1953, 2008

Weitere Informationen

Einrichtung: Sammlung Frauennachlässe | Wien
Jahr: Februar 1938 bis Juli 1953, 2008
Sprache: Deutsch
Beschreibung:

Orte: Burgkirchen, Dachstein, Kematen an der Krems, Wels und andere Orte in Oberösterreich, Radstadt und andere Orte in Salzburg, Gesäuse und andere Orte in der Steiermark, Wien; Etna (Ätna), Firenze (Florenz) in Italien; unbestimmbare Orte an der Front/Kriegsschauplätze im 2. Weltkrieg in Italien u. a.

Quellentypen: Tagebuch (Männertagebuch, Reisetagebuch, während dem 2. Weltkrieg geführtes Tagebuch, Soldatentagebuch aus dem 2. Weltkrieg): 11 Bände (tw. als Abschriften); weitere Aufzeichnungen in Buchform: Gedichtsammlungen, Manuskripte; Korrespondenz (Familienkorrespondenz, Paarkorrespondenz, Freundschaftskorrespondenz, amtliche Korrespondenz): ca. 820 Schreiben; 5 amtliche Dokumente; literarischer Nachlass; Weiteres: Zeitungsausschnitte

Zum Bestand: Schreiber/Empfänger: Dr. Heribert W.; geb. 1923 in Wels in Oberösterreich, gest. 1953 am Traunstein in Oberösterreich

Übergeber: Dr. Florian W. (Enkelsohn von Dr. Heribert W.), 2019-2022



Der schriftliche Nachlass von Dr. Heribert W. wurde von seiner Frau Dipl.-Ing.in Helga W. (geb. R., 1925-2016) vorsortiert und gestaltet. In ihrer schriftlichen Hinterlassenschaft (SFN NL 262 I) sind auch mehrere (hauptsächlich) amtliche Dokument von ihm sowie umfangreiche autobiografische Darstellungen über ihn enthalten.

Heribert W. wuchs mit seinen drei Geschwistern Rotraud, Heinrich (genannt Heinz) und Herwig W. in Wels in Oberösterreich auf. Seine Eltern Maria W. (geb. P., 1885-1963, NL 262 VI) und Heinrich W. (1887-1950) führten hier ein Geschäft für Geschirr- und Rohwaren. Heinrich W. war Landesführer der Heimwehr („Österreichischer Heimatschutz“) Oberösterreich, ab 1934 Landesführerstellvertreter der Vaterländischen Front, Landesrat und Landeshauptmannstellvertreter („Landesstatthalter“). Nach der Machtübernahme der Nationalsozialist:innen war er von Sommer 1938 bis Sommer 1939 im Konzentrationslager Dachau interniert.

Heribert W. begann nach der Matura 1940 das Studium der Biologie an der Universität Wien. Bevor er als Soldat in einer Entschlüsselungseinheit in den 2. Weltkrieg eingezogen wurde, war er hier in der Untergrundbewegung der katholischen Studierenden aktiv. Dieses Thema hat er in dem (nicht fertiggestellten) Romanmanuskript „Die heimliche Fahne“ schriftstellerisch verarbeitet. Daneben ist auch eine Sammlung von in dieser Zeit verfassten Gedichten erhalten.

Von Februar 1938 bis Juli 1952 führte Heribert W. Tagebuch, das 10 Bände in verschiedenen Formaten bzw. Ordnungen umfasst und einen Umfang von knapp 800 Seiten hat. Festgehalten sind darin ausführlich alltägliche Ereignisse und Gedanken, entsprechend ist auch seine Zeit am italienischen Kriegsschauplatz im Zweiten Weltkrieg detailliert beschrieben: „Ostern in Latien: Es war auch ein Ostern im Felde, woran häufig dumpfe Bombeneinschläge und knatterndes Bordwaffenfeuer mahnte: auch zu einer Messe kam ich nicht. So blieben als äußeres Zeichen des hohen Festes nur der Kuchen, den zu backen ich am Gründonnerstag geholfen hatte, dann ein bunter Abend in Vignanello [zirka 60 Kilometer nördlich von Rom, die Front befand sich zu der Zeit zirka 100 Kilometer südlich von Rom] am Sonntag selbst und anschließend großer Krach auf unserer Bude bis nach 2 Uhr morgens“ (13. April 1944). Daneben hat der junge Mann auch seine allgemeine Situation in diesen Aufzeichnungen reflektiert: „Die Tage fliegen, und die Wochen währen dennoch lang, drehen sich müde im gleichen Gleis und zermahlen vieles von dem, was sie enthielten, zu Staub“ (11. November 1944). Auszüge aus diesen Aufzeichnungen sind als Abschriften dupliziert worden.

Von Heribert W.s Korrespondenzen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs und den Nachkriegsjahren sind neben einzelnen Briefen von verschiedenen Schreiber:innen 160 Briefe aus der Korrespondenz mit Heribert W.s damaliger Freundin und deren jüngerer Schwester erhalten, die zwischen 1940 und 1947 geschrieben worden sind.

1942 starb Heribert W.s jüngerer Bruder Herwig W. an einer Krankheit, 1945 wurde sein älterer Bruder Heinz als Soldat getötet. Er selbst nahm nach Ende des Krieges sein Studium in Wien wieder auf. Neben einem Ausweis der Universität Wien sind auch ein Reisepass und ein Führerschein aus dieser Zeit erhalten.

Gemeinsam mit dem Theologen Ferdinand K. (1907-1982) und anderen wurde Heribert W. einer der zentralen Akteure der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG) und er war Mitbegründer der studentischen Gruppe „Grützehaufen“, die v.a. über sportliche Aktivitäten wie Bergsteigen und Schifahren eine neue gemeinsame Basis für ehemaligen NS-Regimeanhänger:innen und -gegner:innen aufbauen und ehemaligen Nationalsozialist:innen einen Anreiz zur Rekatholisierung und Redemokratisierung bieten wollte.

Heribert W. war ein passionierter Bergsteiger, was in einem zwischen März 1940 und März 1947 geführten „Fahrtenbuch“ (ca. 80 Seiten) und einem Ausweis des Alpenvereins dokumentiert ist.

Im Kontext des „Grützehaufens“ lernte Heribert W. während einer Schiwoche auf der Zellerhütte am Warscheneck zu Silvester 1945/46 Helga R. kennen. Sie war ebenfalls aus Oberösterreich gebürtig, begeisterte Bergsteigerin und auch Studentin in Wien. Das Paar heirateten 1949, im selben Jahr absolvierte Heribert W. ab Herbst das Probejahr als Lehrer an der Mittelschule (Bundesdienst) in Oberösterreich, Helga W. schloss ihr Studium Anfang 1950 ab. In den folgenden Jahren wurden sie Eltern von vier Kindern.

1951 wurde Heribert W. als Lehrer und Erzieher an der landwirtschaftlichen Fachschule Burgkirchen angestellt. Parallel dazu widmete er sich verschiedenen naturwissenschaftlichen Forschungstätigkeiten. Dazu nahm er neben kleineren Reisen etwa – gemeinsam mit seiner Schwester Rotraud W. – an einer 1951 von der Universität Wien organisierten Expedition zum Ätna teil und publizierte wissenschaftliche und literarische Aufsätze. Diese Aktivitäten sind einerseits anhand von mehreren hundert Briefen dokumentiert, die in verschiedenen Ordnungen abgelegt erhalten sind. Andererseits ist eine Sammlung von Veröffentlichungen sowie wissenschaftlichen und literarischen Manuskripten im Umfang von mehreren 1.000 Seiten in seinem Nachlass vorhanden. Zudem hat er eine Sammlung von Zeitungsartikeln aus den 1940er- und 1950er-Jahren angelegt.

Im August 1953 verunglückte Heribert W. 30jährig tödlich bei einer Klettertour am Traunstein in Oberösterreich. Seine Frau Helga W., die sich selbst auch in der Seilschaft befand, war 28 Jahre alt und gerade mit ihrem vierten Kind schwanger.

Fotografien (als Scans) aus dem Nachlass von Heribert W. sind in der Ordnung der Sammlung Frauennachlässe dem Nachlass von Helga W. (SFN NL 262 I) zugeordnet.



2024 wurde ein umfangreicher Bestand an Fotografien nachgereicht. Diese werden derzeit verzeichnet.

Anmerkung:
Aus Datenschutzgründen werden in diesem Online-Verzeichnis alle Nachnamen abgekürzt angegeben. Die mit den Übergeber/innen der Bestände jeweils vertraglich vereinbarte Verwendung der Namen ist bei der Recherche vor Ort abzuklären.
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c/o Institut für Geschichte, Universität Wien

Universitätsring 1
1010 Wien
Telefon: +43 (0)1 4277 408 12
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Die Bestände können nach Vorlage des Forschungsvorhabens an vereinbarten Terminen eingesehen werden. Ausführliche Informationen dazu finden Sie auf der Website https://sfn.univie.ac.at unter Benutzung + Recherche.
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Die erste Sichtung der Quellen erfolgt in den Räumlichkeiten der Sammlung Frauennachlässe. Für die spätere Bearbeitung ist eine Aufstellung der Materialien in der Fachbibliothek für Geschichte möglich.

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