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Orte: Admont, Hieflau, Hohentauern, Knittelfeld, Leoben, Liezen, Predlitz-Turrach, Schladming und andere Orte in der Steiermark, Wien; Nice (Nizza) in Frankreich; Santiago de León de Caracas in Venezuela; Orte an der Front/Kriegsschauplätze im 2. Weltkrieg: Brück, Penzberg, Regensburg und andere Orte in Deutschland, unbestimmbare Orte an der „Ostfront“ u.a. Quellentypen: Korrespondenz (Familienkorrespondenz, Freundschaftskorrespondenz, amtliche Korrespondenz, Feldpost aus dem 2. Weltkrieg): 86 Schreiben; 6 amtliche Dokumente; 15 Dokumente zur Schul- und Berufslaufbahn; autobiografische Aufzeichnungen: 1 Text (11 Seiten); 40 Fotografien Zum Bestand: Schreiberin: Gerlinde E.; geb. 1920 in Hieflau in der Steiermark, gest. 2006 in Schladming in der Steiermark
Übergeberin: Mag.a Margarita E. (Tochter von Gerlinde E.), 2014
Gerlinde E. wuchs gemeinsam mit zwei Schwestern und einem Bruder in der obersteirischen Gemeinde Hohentauern auf. Ihre Mutter Maria E. (1883-1969) führte hier eine Gastwirtschaft, ihr Vater Andreas E. (1886-1959) war Holzhändler, NSDAP-Ortsgruppenleiter und ab 1938 Bürgermeister.
Gerlinde E. besuchte die einklassige Volksschule in St. Oswald-Möderbrugg, ab lebte sie im entfernten Graz, um hier die Hauptschule besuchen zu können. Sie war bei Verwandten untergebracht, wo sie sich im Gegenzug um die Kinder kümmern musste. Nach dem Schulabschluss arbeitete die jetzt 14-Jährige in der Gastwirtschaft ihrer Mutter mit, von 1937 bis 1938 war sie „Haustochter“ bei der Familie eines NS-affinen Musikprofessors in Berlin.
Aus den 1920er- bis 1940er-Jahren sind 5 Kinder- und Jugendfotografien von Gerlinde E. erhalten, auf denen sie u.a. beim Wandern, mit einem Hund und auf einem Motorrad abgebildet ist. Eines der insgesamt 7 vorhandenen amtlichen Dokumente ist die Austrittserklärung aus der katholischen Kirche im Jahr 1939.
1940 heiratete sie den um 12 Jahre älteren Angestellten Gustav K. (geb. 1908) und zog in die Bezirkshauptstadt Liezen, wo er am Arbeitsamt tätig war. 1941 nahm die jetzt 21jährige Gerlinde E. an einem Lehrgang für Schulhelfer:innen in Graz teil und arbeitete daraufhin an Volksschulen in verschiedenen steirischen Gemeinden. Aus dieser Zeit sind 34 Feldpostschreiben von ihrem aus dem „Sudentenland“ gebürtigen Bekannten Rudolf H. (Jänner 1940 bis Dezember 1944) und eines ihrer Antwortschreiben aus Dezember 1944 erhalten. Den Briefen beigelegt sind zwei Portraitfotografien in Uniform mit den Widmungen „Zum Gedenken. Rudolf H[…]“ und „Ihr Rudi. Im Felde, 4. Juni 1944“.
Von November 1943 bis Juli 1944 absolvierte Gerlinde E. die Ausbildung zur Lehrerin in Knittelfeld und trat eine Stelle als Lehrerin in Predlitz im Bezirk Murau an. 1943 begann sie die Briefbekanntschaft mit Karl W., die schließlich bis 1956 dauerte und 23 Schreiben umfasst. Karl W. lebte seit 1950 in Venezuela.
Gerlinde E. hatte nach Kriegsende aufgrund ihrer NSDAP-Mitgliedschaft ein kurzfristiges Berufsverbot. Ab November 1945 arbeitete sie wieder als Lehrerin und wurde Mitglied des sozialistischen Lehrer:innenverbandes. 1947/48 ließ sie sich von Gustav K. scheiden.
Aus der Nachkriegszeit sind vier Briefe erhalten, die Gerlinde E. von 1946 bis 1948 von ihrer Bekannten Wilma B. aus Deutschland bekommen hat. Sie war während des Zweiten Weltkrieges mit ihren Kindern nach Predlitz geflüchtet gewesen. 1946 berichtete sie von der weiterhin unsicheren Situation: „Ich weiß nicht wohin, wenn ich in die Heimat komme. […] Am 28. Mai soll unser Transport endlich!!! starten. Ich kann’s nicht abwarten. In M. Gladbach liegt eine Anfrage von unserem Vati vor, wo wir sind. Er ist noch in R‘land. Wie wird alles werden???“ (8. Mai 1946). An weiteren Korrespondenzen mit Bekannten sind Briefe von Gerd P. (24 Schreiben von 1952 bis 1987) erhalten.
Ab 1953 arbeitete Gerlinde E. als Volksschullehrerin in Wien, wo sie gleichzeitig selbst eine Maturaschule besuchte. 1955 wurde sie Mutter ihrer Tochter Mag.a Margarita E.. Das Mädchen verbrachte die ersten Lebensjahre bei den Großeltern in Haus im Ennstal, bevor auch Gerlinde E. 1958 wieder in die Steiermark zurückkehrte. Ab 1963 lebte sie mit ihrer Tochter in Schladming. Die Unterhaltspflicht von deren Vater, einem Physiker, wurde 1964 von der Bezirkshauptmannschaft Liezen geregelt.
Gerlinde E. arbeitete bis zu ihrer Pensionierung 1980 als Lehrerin an verschiedenen steirischen Standorten. Ihre schulische und berufliche Laufbahn ist anhand von 15 Schul-, Ausbildungs- und Dienstzeugnissen sowie Personalbögen, Dienstanmeldungen, der Auszeichnung zur „Schulrätin“ und Schreiben zum Pensionsantritt dokumentiert, die den Zeitraum von 1932 bis 1980 abdecken. Dazu sind einige Fotografien von Kolleg:innen, von Gerlinde E. beim Unterrichten und von ihrer „letze[n] 4. Klasse, im 61. Lebensjahr!“ erhalten.
Weitere Motive der insgesamt 30 Fotografien (1940 bis 2005) in dem Nachlass sind verschiedene Feiern wie Hochzeiten und Erstkommunionen, Ausflüge, ein Urlaub in Nizza in den frühen 1950er- sowie ein Bild der betagten Gerlinde E. in einem Pflegeheim in den 2000er-Jahren.
Ihre schriftliche Hinterlassenschaft von Gerlinde E. wurde von ihrer Tochter Margarita E. in dem 2014 verfassten Text „Aus dem Nachlass Meiner Mutter“ (11 Seiten) detailliert kontextualisiert. |