Archivgut Nachlass

Theresia V. NL 12

Jänner bis Dezember 1941, Juni 1945 bis Juli 1979

Weitere Informationen

Einrichtung: Sammlung Frauennachlässe | Wien
Jahr: Jänner bis Dezember 1941, Juni 1945 bis Juli 1979
Sprache: Deutsch
Beschreibung:

Orte: Bad Pirawarth, Groß Schweinbarth, Raggendorf und Reyersdorf in Niederösterreich; Wien; unbestimmbare Orte an der Front/Kriegsschauplätze im 2. Weltkrieg

Quellentypen: Tagebuch (Frauentagebücher, während dem 2. Weltkrieg geführtes Tagebuch, Wirtschaftsbuch): 7 Bände; Korrespondenz (Familienkorrespondenzen, Feldpost aus dem 2. Weltkrieg, amtliche Korrespondenzen): 9 Schreiben; Dokumente zur Schullaufbahn: 1 Schulheft; 1 Fotografie; Weiteres: Lebensmittelmarken, Rechnungen, Lohnsackerl u.a.

Zum Bestand: Schreiberin: Theresia V. (geb. E.); geb. 1901 in Groß Schweinbarth in Niederösterreich, Todesdaten unbekannt

Übergeber: Alfred K. (Zufallsfund), 1997



Theresia V. (geb. E.) ist in Groß Schweinbarth im Bezirk Gänserndorf im Weinviertel aufgewachsen. Ihre Eltern waren (laut ihren Taufmatriken) hier „Kleinhäusler“, die Eltern ihrer Mutter Theresia E./A. (geb. Pecker, 1871-1948) „Krämer und Halblehenbesitzer“ in Reyersdorf. Sie hatte die drei jüngeren Geschwister Johanna H. (geb. E., geb. 1903), Rudolf A. (1907-1943) und Anna A. (1910-1981), drei weitere Geschwister waren 1905, 1912 und 1914 als Säuglinge gestorben.

1921 brachte Theresia V. in Wien ihren Sohn Willi (Willy) V. (geb. E.) zur Welt. Der Vater Wilhelm V. (1902-1980) war gelernter Müller, seine Eltern waren „Kleinhäusler“ in Raggendorf. Im Oktober 1926 kaufte er einen Mühlenbetrieb, im November 1926 heiratete das Paar in Wien Floridsdorf. Theresia V. wird in der Heiratsmatrike als „Landwirtstochter“ bezeichnet, als ihr gemeinsamer Wohnort ist die Adresse ihrer Eltern in Groß Schweinbarth angegeben. Weitere Informationen zu ihren Erwerbstätigkeiten oder Wohnorten vor dieser Zeit liegen bisher nicht vor.

Die Ortschaften Bad Pirawarth, Groß Schweinbarth, Raggendorf und Reyersdorf, in denen Theresia und Wilhelm Vogts Familien lebten, liegen direkt nebeneinander, Wien ist zirka 30 Kilometer südlich.

Aus Willi Vogts Schulzeit ist ein Aufsatzheft erhalten. Er lernte den Bäckerberuf, im Februar 1941 wurde er als Soldat in den Zweiten Weltkrieg eingezogen. Wilhelm V. im März.

Der schriftliche Nachlass von Theresia V. umfasst 7 Bände mit Tagebucheinträgen und wirtschaftlichen Aufzeichnungen. Die frühesten davon sind mit 1941 datiert. Zu dieser Zeit führten sie eine so genannte „Walzmühle“ mit angeschlossener kleiner Landwirtschaft am Rand der Ortschaft Bad Pirawarth. Das 1941 angelegte Band ist mit „Mahl- und Schrottbuch“ betitelt und hatte dazu gedient, die Menge des Getreides zu belegen, das in dem Kalenderjahr in der Mühle vermahlen wurde. Die Auflistung umfasst 2,5 Seiten.

Im Juni 1945 begann Theresia V. damit, dieses Buch für persönliche Aufzeichnungen zu nützen. Die Einträge sind dabei zum Teil nicht chronologisch aufeinander aufbauend und zeitliche Lücken zwischen den einzelnen Büchern lassen zudem darauf schließen, dass weitere Bände verloren gegangen sein dürften. Der späteste (erhaltene) Eintrag ist mit Juli 1979 datiert.

Als Schreibunterlagen verwendete Theresia V. durchaus verschiedene Formate. Diese sind teilweise vorgedruckte Rechenbücher, bei einigen fehlen die Deckblätter und alle beinhalten einzelne Einlagen wie Korrespondenzstücke, Rechnungen, Kostenaufstellungen, Lebensmittelmarken (1947), Notizen oder Zeitungsausschnitte.

Zu Beginn der Aufzeichnungen 1945 wohnte Theresia V. bei ihrer inzwischen verwitweten Mutter und pendelte täglich 5 Kilometer zu ihrem Hof. Die Mühle war im Zuge von Kampfhandlungen am Ende des Zweiten Weltkriegs beschädigt worden, bis April 1946 lebte auch eine aus Brünn (Brno) geflüchtete Frau mit ihren Kindern hier. Wilhelm V. arbeitete in einem Mühlenbetrieb in Gänserndorf und wohnte auswärts. 1947 konnte Theresia V. in die wieder hergestellten Gebäude zurückkehren, wo sie in den nächsten Jahrzehnten hauptsächlich alleine lebte und als Bäuerin arbeitete. Wilhelm V. arbeitete ab 1949 in Industriebetrieben in Wien.

Die Aufzeichnungen von Theresia V. sind insgesamt sehr komplex und enthalten vielschichtige Informationen. Vom Aufbau her folgen die einzelnen Einträge insbesondere der späteren Tagebücher zumeist einem ähnlichen Schema: Zum Datum sind regelmäßig die Tagesheiligen vermerkt, die Wettersituation (u.a. „stillkalt“), die Mondphasen, die Zahl der Eier ihrer Hühner und die Korrespondenzen notiert. Detailliert verzeichnet sind die verrichteten Arbeiten auf den Äckern, im Garten, am Bauernhof und im Haus, die Reparaturarbeiten an den beschädigten Gebäuden, die Mitarbeit auf anderen Betrieben, u.a. bei ihrer Schwester in Raggendorf sowie Ereignisse rund um die Tiere. In der Nachkriegszeit ist dabei u.a. der rege Tausch- und Schleichhandel sowohl mit Personen aus der Nachbarschaft als auch aus Wien dokumentiert.

Die verschiedenen Wege, die Theresia V. selbst zurücklegte, die Messen, die sie besuchte und die Personen, die sie getroffen hat sind, ebenso ausführlich dokumentiert wie Informationen, die sie im Radio gehört hatte.

Regelmäßig finden sich dazu retrospektive Passagen, in denen sie zurückliegender Ereignisse oder Verstorbener gedachte. Sie verwendete die Tagebücher damit als Gedenkbücher, in denen sie selbst häufig las. Gleichzeitig hielt sie mit diesen Rückblicken autobiografische Informationen über sich und ihr soziales Umfeld fest.

Vielfach sind die Einträge als Zwiegespräche gestaltet oder Theresia V. richtete darin Appelle an sich selbst. Dabei verwendete sie mitunter Dialekt- und auch Kraftausdrücke. In den späteren Tagebüchern kommen zudem wiederkehrend kleine Zeichnungen und Symbole vor, die eine bestimmte Bedeutung für sie gehabt haben dürften. Die Menstruation verzeichnete sie z.B. mit einem Kreuz.

Zum leitenden Thema der Tagebücher wurde für Theresia V. die Erinnerung an ihren Sohn Willi V., der dabei oft direkt angesprochen wird. Willi V. blieb als junger Soldat in der Sowjetunion vermisst, seine letzte Post hatte er (laut einem der rückblickenden Vermerke im Tagebuch) im August 1944 gesendet. Die Aufzeichnungen dokumentieren, dass seine Mutter bis in ihr hohes Alter auf seine Rückkehr gehofft hat.

Von ihrer Feldpost ist ein Brief eingelegt, den Willi V. im Februar 1943 „Im Südosten“ an „Meine liebe Mutter“ abgeschickt hatte. Er erkundigte sich darin nach ihrem Befinden, sendete Briefmarken und berichtete von der aktuellen Verpflegungssituation: „Du brauchst Dir keine Sorgen zu machen.“ Aus 1943 ist auch eine Fotografie von Willi V. in Uniform erhalten, von später (undatierte) Briefentwürfe an den Suchdienst des Roten Kreuzes sowie u.a. 3 Briefe von Pater Albin G. aus Mistelbach betreffend katholischer Messen, die Theresia V. 1962 bezahlt hat.

Ihr Ehemann Wilhelm V. wird in den Tagebüchern insbesondere in Bezug auf seine An- und Abwesenheiten am Bauernhof und die von ihm hier (nicht) geleistete Arbeit beschrieben. In Wien lebte er mit einer anderen Frau zusammen, was Theresia V. wiederholt schriftlich besprochen hat. In einem der zwei erhaltenen Briefen ihrer Schwester Anna H. nimmt auch sie direkt Bezug auf diese Situation. Aus 1976 ist das standardisierte Gratulationsschreiben zu ihrer Goldenen Hochzeit der Niederösterreichischen Landesregierung vorhanden.

Theresia V. hat ihre Tagebuchaufzeichnungen in den 1980er-Jahren dem Schriftsteller Alfred K. (1945-2024) übergeben. Er veröffentlichte 1986 eine Zeitungsreportage über sie und gab die Aufzeichnungen später an die Sammlung Frauennachlässe.

Anmerkung:
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c/o Institut für Geschichte, Universität Wien

Universitätsring 1
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