|
Orte: Bromberg, Emmersdorf, Hohenberg an der Traisen, Leiben und Wiesmath in Niederösterreich; Wien; Aichach, Dornstetten, Frankfurt am Main, Freudenstadt, München, Stuttgart und Wiesbaden in Deutschland; Paris, Lyon und St. Cyr in Frankreich; Rom (Roma) in Italien; Tschernowitz (Cernăuți) in Rum; änien; Reichenberg (Liberec) in Tschechien; verschiedene Orte an der „Westfront“ im 2. Weltkrieg u.a. Quellentypen: Korrespondenz (Paarkorrespondenz, Familienkorrespondenz, Feldpost aus dem 1. und 2. Weltkrieg): 385 Schreiben; 26 amtliche Dokumente; 8 Dokumente zur Schul- und Berufslaufbahn; 76 Fotografien (tw. als Kopie); Weiteres: Anstecknadel der "christlichen Arbeiterschaft", Rechnungen, Muttertagsgedicht, Broschüren u.a. Zum Bestand: Schreiberin/Empfängerin: Anna S. (geb. L.); 1897-1965, geb. und gest. in Wien
Schreiber/Empfänger: Rudolf S.; geb. 1898 in Wien, gest. 1945 in Freudenstadt in Deutschland
Übergeberin: Annelies F. (Tochter von Anna und Rudolf S.), 2002, 2013
Anna S. (geb. L.) ist in Wien aufgewachsen. Ihre Mutter Josefine L. (geb. Suchy, 1864-1943) kam von einer Schmied:innenfamilie in Böhmen, ihr Vater Franz L. (1865-1919) war Briefträger. Josefine L. gebar 11 Kinder und war bereits einmal verwitwet. Die Geschwister mußten teilweise in Waisenhäusern oder als Dienstmädchen bei Verwandten untergebracht werden. Nach dem Tod ihres zweiten Mannes Franz L. arbeitete Josefine L. als Hilfsschwester im Allgemeinen Krankenhaus.
Anna S. war im Ersten Weltkrieg im Kriegshilfsdienst im Sanitätswesen eingesetzt, im Februar 1916 wurden ihr dafür im Namen von Erzherzog Franz Salvator vom Roten Kreuz 1 Medaille und 1 Ehrenurkunde für militärische Sanitätspflege verliehen. Im Frühling 1919 starben ihr Vater und ihre junge Schwester Gretl L. (1903-1919) unmittelbar hintereinander.
Anna S. arbeitete jetzt als Laborantin in der „Löwenapotheke“ in der Wiener Josefstadt und war mit einem Juristen aus der Bukowina verlobt. Durch ihren Bruder lernte sie dessen Arbeitskollegen Rudolf S. kennen. Er war Bankangestellter bei der Creditanstalt, beide teilten ihre Begeisterung für das Eislaufen auf der Kunsteisbahn Engelmann in Wien Hernals.
Rudolf S. war ebenfalls in Wien aufgewachsen. Seine Mutter Emma S. (geb. Schebesta, verw. S., 1864-1940) führte eine Schneiderei, sein Vater Georg S. (1896-1937) war Portier. Rudolf S. war im Ersten Weltkrieg Unteroffizier gewesen, wovon 2 Feldpostschreiben an die Eltern aus Februar 1916 und Februar 1917 u.a. aus dem „Rek.-Heim“ in Hohenberg in Niederösterreich erhalten sind.
Anna und Rudolf S. heirateten 1924. Die Jahre bis zur Geburt ihrer Tochter Annelies F. (geb. S., 1930-2013) lebten sie im Waschküchenhaus bei Anna Seminics Mutter, wo auch Hasen gehalten wurden. Dann bezogen sie eine Wohnung in der Klostergasse in Wien Währing.
Der gemeinsame Nachlass von Anna und Rudolf S. setzt sich aus umfangreichen Korrespondenzen zusammen. Der größte Teil sind Paarkorrespondenzen aus dem Zeitraum August 1935 bis Jänner 1945, die 249 Schreiben umfassen. 39 dieser Schreiben wurden in den Sommermonaten Juli, August und September der Jahre 1937, 1938 und 1939 verfasst, die Anna und Annelies S. im niederösterreichischen Waldviertel verbrachten, weil dort die laufenden Lebenserhaltungskosten günstiger waren. Diesen Briefen sind 2 Kostenaufstellungen der Ausgaben in der Sommerfrische beigelegt.
206 Schreiben sind Feldpost aus dem Zweiten Weltkrieg. Rudolf S. war u.a. bei der Luftabwehr zur Deckung eines Munitionslagers bei Paris stationiert. Im November 1940 wurde ihm das Kriegsverdienstkreuz verliehen, das sich gemeinsam mit der Ankündigung der Verleihung desselben im Nachlass befindet.
In den Schreiben berichtet sich das Paar gegenseitig von der jeweiligen aktuellen Lage und erkundigt sich nach der gesundheitlichen und versorgungstechnischen Situation des und der Anderen: „Hoffentlich geht es Dir so halbwegs gut, gesundheitlich meine ich, und daß es nur die viele Arbeit im häuslichen, sowie die Raufereien um den Erhalt von Lebensmittel sind, wodurch Du nicht dazu kommst mir zu schreiben“ (Rudolf S. im Jänner 1942).
9 Schreiben aus März 1940 bis November 1944 betreffen die Einberufung ihrer Tochter Annelies F. zum Bund deutscher Mädel (BDM), die sie vermeiden konnten. Die Schullaufbahn von Annelies F. ist anhand von 8 Dokumenten aus der Zeit von 1941 bis 1944 dokumentiert, darunter 1 Schreiben betreffend ihre Schuleinschreibung, 3 Dokumente betreffend die Abwicklung des Schulgeldes und 1 Bücherliste für die erste Klasse der Wirtschaftsschule in der Schönborngasse in Wien. Zudem sind 1 handschriftlich verfasstes Muttertagsgedicht und 1 Impfzeugnis aus Oktober 1943 erhalten, welches die Impfung gegen Diphterie und Scharlach nachweist. Gegen Kriegsende übersiedelten Anna S. und ihre Tochter nach Wiesmath in der Buckligen Welt in Niederösterreich. Die Schulklasse von Annelies F. war in die Hohe Tatra evakuiert worden, der Vater hatte sich brieflich gegen ihre Teilnahme daran ausgesprochen.
Der Korrespondenzbestand von Anna und Rudolf S. enthält daneben weitere 24 Schreiben von mehreren Familienangehörigen sowie 111 Schreiben von verschiedenen Absender:innen aus dem Zeitraum von 1935 bis 1945 u.a. aus mehreren Orten in Deutschland, aus Tschernowitz (Cernăuți) in Rum änien und Reichenberg (Liberec) in Tschechien Deutschland. 28 davon sind Feldpostschreiben, 8 behandeln eine Klage wegen „Ehrenbeleidigung“ von Anna S..
Im Juni 1944 war Rudolf S. an der sogenannten „Invasion“ der alliierten Truppen in der Normandie beteiligt, die er als einer der wenigen Soldaten seiner Einheit überlebte. Er wurde in einem Lazarett in Freudenstadt im deutschen Schwarzwald aufgenommen, wo er im Jänner 1945 starb. Anna und Annelies S. konnten zuvor noch anreisen. Für die Rückfahrt, die teilweise unter Beschuss US-amerikanischer Flugzeuge mehrere Tage dauerte, sind 2 „Anträge auf Fahrpreisermäßigung“ erhalten. Unter Rudolf Semenics amtlichen Dokumenten finden sich verschiedene Unterlagen zu seinem Tod, darunter 3 Nachweise über „Sterbefall u. Beisetzung eines Wehrmachtsangehörigen“.
Anna und Annelies S. erlebten das Kriegsende mit Verwandten bei einer Bauernfamilie in Wiesmath, wo sie mitgearbeitet haben und Zeuginnen von Kampfhandlungen und Greultaten wurden. Der Vormundschaftsnachweis für Anna S. als „Vormündin für ihr minderjähriges Kind“ („Bestallungsurkunde“) wurde im Juli 1945 ausgestellt.
Annelies F. besuchte ab 1946 die 2-jährige Kindergärtnerinnenlehranstalt auf der Wiener Hofzeile und war dann als Kindergärtnerin tätig.
An Fotografien sind 74 Aufnahmen erhalten. 32 sind in einem Fotoalbum organisiert. Dieses enthält Aufnahmen u.a. Rudolf Semenics Vorfahrinnen Marianna Schebesta (geb. Karl, 1827-1885, NL 51 I), Emma S. (geb. Schebesta verw. S., 1864-1940, NL 51 II), 1 Atelierbild als Kleinkind, Gruppenaufnahmen von Fußballmannschaften und im Schwimmbad, eine Dauerkarte der „Kunsteisbahn Engelmann“ in Wien Hernals, 1 Gruppenaufnahme von Krankenpflegerinnen und Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, verschiedene Aufnahmen seiner drei Geschwister Hermine, Georg und Emma S. sowie ein Bild der Familiengrabstätte. 1 Fotografie von Anna und Rudolf S. als junges Paar mit einem Hündchen auf einer Terrasse sowie ein Portraitbild von ihm wurden als Kopie übergeben.
Daneben ist eine Sammlung von 39 Bildern vorhanden, die Rudolf S. als Soldat im Zweiten Weltkrieg an der Westfront zeigen. Neben Aufnahmen an einem Telefonapparat, in der Etappe u.a. beim Gewehrputzen oder vor einem Christbaum sind darunter auch Bilder von Männern, die vor Pariser Sehenswürdigkeiten wie der „Notre Dame“ oder dem Schloss Versailles posieren.
An Losem finden sich u.a. 1 Anstecknadel der „christlichen Arbeiterschaft 1891-1931“, 1 Heft mit dem Titel „Zehn Gebote für Erzieher“ aus 1934, verschiedene Rechnungen, 6 Krankenkassenscheine und 2 Dokumente des Tierschutzvereins Wien aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs sowie einige Notizzettel.
Das späteste Dokument von Anna S. ist 1 Postkarte an „Liebe Wiener Mutti!“, die „Othmar“ im April 1954 von einer Romreise an sie gesendet hat. Er war ein Bekannter ihrer Tochter Annelies Fürhing und deren Ehemann Elmar F. (1928-1993). Er war Referent in der Niederösterreichischen und der Bundeshandelskammer, wo er u.a. das EDV-System aufgebaut hat. Beide waren begeisterte Alpinist:innen und lebten mit ihrer großen Familie in Wien Hernals. Ihre späten Lebensjahre verbrachte Annelies Fürhing bei ihren Töchtern in Michlbach in Niederösterreich. |