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Orte: Wien; Schaffhausen in der Schweiz; verschiedene Orte an der Front/Kriegsschauplätze im Ersten Weltkrieg im italienischen Aostatal (Valle d'Aosta) u.a. Quellentypen: Korrespondenz (Familienkorrespondenz, Feldpost und Kriegsgefangenenpost aus dem 1. Weltkrieg): 28 Schreiben; 18 amtliche Dokumente; 10 Dokumente zur Schul- und Berufslaufbahn; autobiografische Aufzeichnungen: 1 Familienchronik mit Einlagen; 42 Fotografien; Weiteres: 13 Andachtsbilder und Gedenkkarten, 1 Bastelarbeit aus Edelweißblüten u.a. Zum Bestand: Schreiberin/Empfängerin: Emma S. (geb. Schebesta, verw. S.); 1864-1940, geb. und gest. in Wien
Schreiber: Georg S.; 1896-1937, geb. und gest. in Wien
Übergeberin: Annelies F. (Enkelin von Emma S.), 2002, 2013
Emma S. (geb. Schebesta, verw. S.) ist in der Wiener Leopoldstadt aufgewachsen. Ihre Mutter Marianna Schebesta (geb. Karl, 1827-1885) war „Handarbeiterin“ und kam aus einer Kamm- und Hutmacher:innenfamilie in der Schweiz, ihr Vater Franz Schebesta (1841-1873) war Spenglermeister und gebürtig aus Benisch (Horní Benešov) in Österreich-Schlesien.
Aus Emma Semenics Kindheit sind 4 Schulzeugnisse der „Volksschule für katholische Mädchen“ in der Leopoldstadt (1870 bis 1878), 1 Aufnahmebestätigung als Mitglied des „Vereins der heiligen Kindheit“ in Wien (1871), 1 Beichtnachweis (1872), 1 Kommunionsurkunde (1874) sowie 2 gedruckte Programme von „Weihnachtsvorstellungen“ erhalten. 1877 spielte sie die Hauptrolle der „St. Maria“. Ebenfalls aus der Zeit dürften 1 Glanzbild des gestiefelten Katers, 1 kleine trichterförmige Schachtel mit dem Etikett „Holländer Thee“, 1 Bastelarbeit aus Edelweißblüten und eine Sammlung von 10 religiöse Andachts- und Gebetskärtchen erhalten sein.
Aus 1879 ist 1 Brief erhalten, den Emma S. zu ihrem 14. Geburtstag von ihrer Großcousine Susette Seiler aus Schaffhausen in der Schweiz erhalten hat.
Als Erwachsene führte Emma S. eine Schneiderei, in der sie drei Näherinnen beschäftigte. 1887 heiratete sie Franz S. (1853-1889), was durch eine gedruckte Hochzeitsankündigung belegt ist. Er war Fotograf und verwitwet. Von Franz S. sind 1 Portraitfotografie, 1 Gratulations- und 1 Korrespondenzkarte „zur phneumatischen Expressbeförderung“ aus 1889 erhalten, auf der er die gemeinsame Feierabendgestaltung mit Emma S. verabredet: „Die Karten sind schon bereit, erwarte Dich 1/2 7 Uhr beim Theater“. Er starb bereits 1889.
Im Rahmen ihrer Tätigkeit als Schneiderin begleitete Emma S. ihre wohlhabenden Kundinnen u.a. nach Bad Ischl. Hier lernte sie Georg S. (1860-1932) kennen. Er war auf einer „Viertelhube“ in Krain aufgewachsen und als Soldat nach Wien gekommen, wo er u.a. als Dienstmann arbeitete. 1894 kam ihre Tochter Hermine zur Welt. Sie heirateten 1895, 1897 erhielt Georg S. das Heimatrecht in Wien. Er eröffnete ein Lebensmittelgeschäft, später arbeitete er als Portier.
Emma und Georg S. hatten vier Kinder: Hermine S. (1894-1940) besuchte eine Schauspielschule und war in gutbürgerlichen Verhältnissen in Prag verheiratet. Georg S. (1896-1937) wurde Küchenchef in Wien, Rudolf S. (1898-1945) Bankbeamter, Emma Strauß (geb. S., geb. 1903) lernte Schneiderin bei ihrer Mutter. Die Lebensdaten der verschiedenen Familienmitglieder sind durch einzelne amtliche Dokumente belegt sowie in einer Familienchronik, die Emma S. bereits in dritter Generation führte. Die Einträge wurden zwischen Februar 1825 und Mai 1974 verfasst, das Verzeichnis ist dem Nachlass ihrer Mutter Marianna Schebesta (NL 51 I) zugeordnet.
Dem Nachlass von Emma S. ist wiederum auch die schriftliche Hinterlassenschaft von ihrem älteren Sohn Georg S. zugeordnet: Er war gelernter Koch und arbeitete während des 1. Weltkrieges als Regimentskoch an verschiedenen Orten an der italienischen Front. Aus der Zeit von August 1915 bis Juni 1919 sind insgesamt 22 Schreiben erhalten, die er an seine Eltern und Geschwister in Wien adressiert hat. In den Briefen bittet er wiederholt um Zusendung von Geld und Lebensmitteln, verzeichnet die erhaltene Post und bespricht Geschehnisse innerhalb der Familie, wie etwa die Heirat der älteren Schwester Hermine S. 1915 in Prag. Die Einberufung des jüngeren Bruders Rudolf S. zum Kriegsdienst kommentierte Georg S. folgendermaßen „Was ist mit unseren Rudy, Er schreibt mir gar nicht mehr ist Er noch immer beim Kader oder ist Er schon bei einer Marschcompanie. Wie sieht den der Bub überhaupt als Soldat aus?“ (7. Oktober 1916). Der ein Jahr jüngere hier sogenannte „Bub“ war im zivilen Leben Bankangestellter. Ab November 1918 befand sich Georg S. in Kriegsgefangenschaft im Aostatal (Valle d’Aosta) in Italien, was durch 3 Schreiben belegt ist: „Unser ganzes Regiment mit Mann und Maus befindet sich hier in Italien. (…) Geht uns ganz gut, essen genügend; was ist bei Euch Neues wie schaut es in Wien aus wir werden ja auch bald in Eurer Mitte sein. Was ist mit dem Militär in Wien?“ (29. November 1918).
Aus 1919 liegen 1 Heimkehrer-Entlassungsschein sowie 1 Heimatschein vor.
Von Georg Semenics späteren Korrespondenzen ist 1 Postkarte erhalten, die er 1925 an seine Mutter nach Reichenberg (Liberec) im heutigen Tschechien geschrieben hat. Das Motiv der Karte ist der renommierten „Kursalon H.“ im Wiener Stadtpark, in dem Georg S. die Position des Küchenchefs innehatte. Seine Berufslaufbahn ist u.a. durch 2 Visitenkarten, 1 Anerkennungsschreiben des „Verbands der Köche Österreichs“ aus Juli 1925 dokumentiert, in dem er für die „ausgezeichnete Zubereitung eines Festessens“ gewürdigt wird, 1 Menükarte für die „Independence Day Celebration“ der „American Medical Association of Vienna“ aus Juli 1930 und 1 Zeitungsartikel, der anlässlich seines Todes veröffentlicht wurde (Juni 1937).
Es sind 42 Fotografien erhalten, u.a. 1 loses Atelierbild der Geschwister Hermine und Georg S. als Kinder. Der Großteil ist in einem Fotoalbum organisiert und zeigt Georg S. u.a. als Koch an der Front im Ersten Weltkrieg, im Restaurant „Rathauskeller“ und im „Kursalon H.“. Aus 1931 ist zudem 1 Postkarte „Zeppelin über Wien“ mit Widmung aufbewahrt worden. |